Jan Böhmermanns gesammelte Tweets 2009-2020 in Buchform zeigen, wie sich ein Medium und ein Comedians miteinander entwickelten.


Jan Böhmermann ist mit seinen knapp 40 Jahren ein geradezu arrivierter Medienprofi: TV-Moderator, Podcastproduzent, Rapper; seine Formate „Sanft und sorgfältig“, „Fest und flauschig“, „Neo Magazin Royale“ sind schon jetzt geradezu legendäre Klassiker der deutschen Comedylandschaft, und Böhmermann ist vielfältig ausgezeichnet worden. Einer seiner reichweitenstärksten Kanäle ist eigentlich aber Twitter: 2,1 Millionen Follower hat der Satiriker dort über die Jahre angesammelt. Nun hat er ausgewählte Tweets aus den Jahren 2009 bis 2020 als „Twitter-Tagebuch“ drucken lassen: Ab heute ist „gefolgt von niemandem, dem du folgst“, ein Buch in würdevollem Dunkelblau eingebunden, in den Läden. Und was ist nun davon zu halten?

Gedruckte, gesammelte, ausgewählte Tweets, das klingt nach einem Aufguss all der schalen „Neuland“-Gags. Wie eine Satire auf digitale Analphabeten, die sich Emails lieber auf Papier ausdrucken und durchlesen. Dabei erbringt Böhmermanns neues Buch eine seltene Leistung: Es zeigt, wie ein Comedian an und mit einem Medium wächst und Reales und Digitales fusionieren. So heißt es im salbungsvollen Vorwort:

„Ich glaube, dass sich per Twitter aus dem digitalen Raum tatsächlich die echte Welt verändern und bewegen lässt: über die Gedanken, Meinungen und am Ende das Handeln der Menschen, die in ihr leben.“

Dabei beginnt 2009 alles erst einmal mit dem harmlosen Live-Gezwitscher, das Twitter einst ausmachte.

„Frühstück: Zwiebelkuchen, Beilage, Cola, Kakao.“

Schnell ist die Böhmermann-typische bissige, sarkastische Gegenwartskritik da. Zum Beispiel, wenn er über den Amokläufer in Winnenden schreibt:

„Ich hätte mir den heutigen Tag anders vorgestellt (weniger Amokläufe)“ –
„Der Killerspielverbotsdiskussionscountdown läuft.“

Doch das ist noch wie seine Fernseh-, Podcast- und Radioshows: eine altmediale Einbahnstraße und eher eine Art Ein-Mann-Kanal. Böhmermann twittert live vom Musikpreis Echo, von der Papstwahl, aus der Redaktionskonferenz der Harald-Schmidt-Show. Als ihm 2012 der damalige Bundesumweltminister Peter Altmaier direkt antwortet, flippt er geradezu aus, und erst langsam diskutiert er im Direktkanal mit den Mächtigen: Fetzt sich mit dem Bild-Chefredakteur, kritisiert eine Talkshow-Moderatorin für ihre problematische Gästeauswahl, streitet mit dem Justizminister über Kirche und Staat. Mit steigender Reichweite entdeckt er das komplett unironische Engagement, er, dieser Ziehsohn des verkappten Bildungsbürgers Harald Schmidt:

„Wer noch lacht, hat Adorno nicht verstanden.“

Sehr ernst engagiert er sich für Denis Yücel, ist nach Terroranschlägen betrübt und prangert den Rechtsruck an. Aus Twitter ist da längst ein gnadenloser Nahkampf-Käfig geworden, die Einbahnstraße ist passé. Nach pegida-kritischen Tweets nennt man Böhmermann „Spast“, „GEZ-Hure“, will ihn „öffentlich abschlachten“. 2016, dem Jahr nach der Kölner Sylvesternacht, bilanziert er deshalb auch:

„Es stimmt, was alle sagen: Ab 480.000 Follower kommen die Arschlöcher!“

Nach seinem Erdogan-Schmähgedicht und Protesten zum Beispiel twittert Böhmermann daher fast drei Wochen nichts – auf social media quasi eine selbstauferlegte Isolationsfolter für Comedians. Ein stahlharter Skandalübersteher! Der sich an seiner eigenen Rolle auch überfrisst: So verspricht er angesichts der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten:

„Mein guter Vorsatz für die nächstenn 4 Jahre: Jeden Tweet von realdonaldtrump sarkastisch beantworten…“

…und da kommt er natürlich nicht mit. Ein Scheingefecht. Seltsam blind ist er auch auf dem linken Auge, parodiert nur selten die Kundschaft seiner treuen Medienblase, die Generation Y, so wie hier:

„Ich will selbstlos was für andere tun, aber bitte so, dass für mich selbst auch bisschen was rausspringt.“ / „Leute, wenn ihr nett zu Obdachlosen seid und was schenkt, immer mit dem Handy filmen für Youtube, bitte.“

Im Rückblick erweist sich manches immer mehr als geschmacklos, etwa Witze gegen Randgruppen…

„Affen in Menschenkleidung nennt man Schimpansvestiten.“

…oder Gags im Me-Too-Gestrüpp:

„Suche intelligente, reife 16-jährige für zweitägige Geschlechtsverkehrssession im Steigenberger. Jemand Lust und Zeit?“

Ob die hypermoralische Revolution ihr Stiefkind aber wirklich fressen wird? Schließlich hat Böhmermann den Marsch durch die linksliberalen kulturellen Institutionen spätestens 2019 abgeschlossen, als er den Twitterkanal der ehrwürdigen Wochenzeitung „Die Zeit“ für einige Tage übernimmt. Somit gerät Böhmermanns gedrucktes Twitterfeed zu nichts weniger als zum Erbfolger des schweinsledernen Zitatenwortschatz in der Glasvitrine. Die Geburt des Comedians aus dem Geiste der Tweets…!

Rezensiert für das SWR2 Journal am Mittag.

Jan Böhmermann: „gefolgt von niemandem, dem du folgst“. Erschienen bei Kiepenheuer und Witsch. 464 Seiten kosten 22 Euro.