Wenn an diesem Dienstag die Dichterin Elisabeth Alexander ihr Gedicht zur Amtseinführung von Barack Obama vorlesen wird, markiert das eine Zäsur. George W. Bush galt nicht als Freund des Wortes und des Geistes, was sich schon an dessen eigener Amtseinführung zeigte: Damals las kein Dichter, Gattin Laura Bush richtete am Vortag ein arg dünn besuchtes Mittagessen für Dichter ein. Obama stellt sich klar in eine relativ neue Tradition: John F. Kennedy ließ Robert Frost, Bill Clinton Maya Angelou und Miller Williams lesen. Unter den amerikanischen Dichtern und Denkern keimt die Hoffnung auf, dass schon die Zeremonie an diesem Dienstag zeigen wird, dass die USA unter Obama ein intellektuellenfreundlicheres Land werden.

„Wissenschaft, Kultur und die Künste machen Amerika zu etwas Besonderem. Davon wollen wir so viel wie möglich im Weißen Haus!“

Klassische Musik, Jazz-Darbietungen und Dichterlesungen, das alles kann sich Barack Obama im Weißen Haus vorstellen. Der Mann, der schon mal mit einem Gedichtband in der Hand gesichtet wird, gilt als Intellektueller. Die Liste der Autoren, die sich auch deshalb für ihn eingesetzt haben, ist beeindruckend: Philip Roth, Jhumpa Lahiri, John Updike zum Beispiel. Christian Wiman, Chefredakteur des Poetry Magazines der New York Times, bezeichnete es als Segen, dass eine Dichterin auf der Amtseinführung lese. Immer noch werden Intellektuelle vom Mainstream stark ignoriert. Das wird kaum so ein, wenn Elisabeth Alexanders Gedicht in die Welt übertragen wird wie sonst nur die Olympischen Spiele. Eine bloße Lobeshymne aber will die 46jährige nicht anstimmen, verriet sie dem National Public Radio.

„Obamas Name taucht im Gedicht nicht auf. Es geht eher um diesen gemeinsamen Moment. Ich habe versucht, einen Ton anzuschlagen, der uns daran erinnert, dass viel Arbeit und Opfer uns zu diesem Punkt gebracht haben – und weiterhin nötig sind!“

Gemeint ist damit vor allem die entbehrungsreiche Erfahrung der Afroamerikaner in Amerika und ihr widersprüchliches Schicksal, zugleich hoffnungsvoll voranschreiten zu wollen und sich schmerzensreich erinnern zu müssen.  Nur ihr Mann habe den Text gegengelesen, aber noch nicht einmal ihr alter Universitätsfreund Barack Obama, geschweige denn ein anderes künftiges Regierungsmitglied.

„Ist das nicht unglaublich? Das sagt etwas zur Wertschätzung darüber aus, was Künstler den Menschen geben!“

Eine Wertschätzung, von der George W. Bush herzlich wenig spüren ließ. Jonathan Safran Foer bekannte, seit Obamas Wahl fühle er sich nicht mehr wie ein Schriftsteller, der zufällig Amerikaner sei, sondern wie ein amerikanischer Schriftsteller. Sprache war in der Bush-Ära ein Medium der Verschleierung und Interessenpolitik. Folter etwa nannte man euphemistisch „erweiterte Verhörmethode“. Elisabeth Alexander sieht Sprache ganz im Sinne Obamas als vereinigendes Medium, sagte sie im US-Fernsehen:

„Die Poesie bietet uns Beispiele für die beste Sprache, eine destillierte Sprache. Wenn wir uns bemühen, unsere Worte sorgfältig zu wählen, dann gelingt es am ehesten, Unterschiede zu überbrücken und Koalitionen zu schmieden.“

Vorbei die Zeit der peinlichen Bush-Versprecher, die vielen als Symbol für einen Mangel an Intellekt galten. Toni Morrison etwa war begeistert von Obamas Buch „Dreams from my father“ und bescheinigte Obama Reflexionsfähigkeit, kreative Imagination, Brillanz, Weisheit, eben schriftstellerische Fähigkeiten. Dieser Geist, so die Hoffnung vielerorts, solle in konkrete politische Reformen eingehen. Dana Gioia, der scheidende Präsident der Kulturförderungsbehörde „National Endowment for the Arts“, warnte vor einer kulturlosen Bildungspolitik.

„In den Grundschulen waren wir tatenlos. 40 Millionen Kindern wurde der Kunstunterricht gestrichen! Das hat doch kulturelle und wirtschaftliche Folgen!“

Außerdem sollten sich die USA bemühen, in der Welt nicht nur als militärische und wirtschaftliche Macht aufzutreten, sondern sich um einen kulturellen Austausch mit allen Ländern bemühen. Mit vielen Nationen pflegten die USA nämlich kaum Beziehungen. Immer wieder kommt deshalb eine Idee auf, die der Bildhauer Richard Serra kürzlich im New Yorker Public Radio vertrat:

„Wir brauchen einen Kulturminister, vielleicht auf Kabinettseben. Das hieße aber, dass er sehr schnell ernannt werden müsste!“

Die Zeremonie jedenfalls nimmt symbolisch schon zur großen Frage der kommenden Jahre Stellung: zu den Bürgerrechten für Homosexuelle. Am Sonntag schon sprach der bekennende Homosexuelle Eugene Robinson, Bischof von New Hampshire, ein offizielles Gebet vor dem Lincoln Memorial. Und zum ersten Mal marschiert eine schwul-lesbische Band in der Parade mit. Ein erfreuliches Zeichen für die Betroffenen, zumal der erzkonservative evangelikale Prediger Rick Warren das Gebet zur Amtseinführung spricht, was Obama viel Kritik einbrachte.

Offenbar signalisiert Obama Schwarzen, Homosexuellen, Evangelikalen und eben auch Intellektuellen seine Bereitschaft zum Dialog. Da atmen Schrifstellerinnen wie A.M. Homes auf, die sich auch ein würdevolleres Rechtsverständnis von Obama wünschen.

„Die vergangene Regierung hat so viel Schaden angerichtet, was unser Bild im Ausland angeht und unsere eigenen Grundrechte. Ich hoffe, dass sich Vieles zum Guten wendet.“


Für das deutsche Programm der Deutschen Welle.