„Gefährliche Geliebte“ von Haruki Murakami spaltete im Jahr 2000 die Leserschaft:  Billig und oberflächlich erschien das Buch den einen; tiefsinnig, aber schlecht übersetzt den anderen. Ursula Gräfe hat das Werk nun neu übertragen.

Marcel Reich-Ranicki bescheinigte dem Buch im Literarischen Quartett eine außergewöhnliche Zartheit und eine Liebesszene, wie er sie seit Jahren nicht gelesen habe. Sigrid Löffler hielt dagegen alles für Fast Food, die Liebesszenen für „Technik“ und die Geliebte für ein Phantasma – relativierte ihr Urteil aber insofern, als dass sie anmerkte, vielleicht sei die Übersetzung schuld. Tatsächlich lagen gleich zwei Sprachgräben zwischen dem Original und der deutschen Fassung, denn man übersetzte hierzulande anhand der amerikanischen Version. Ursula Gräfe ist als mehrfache Murakami-Übersetzerin im Grunde Spezialistin für den Bestseller-Autor und hat den Roman nun direkt vom Japanischen ins Deutsche übertragen. Jetzt heißt er „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“.

Der Titel hält sich an das japanische Original. Denn so übersetzten sich die Liebenden Shimamoto und Hajime den Jazztitel „South of the border“. Er steht damit treffend einerseits für eine andere Welt, die das Paar sich jenseits jener mysteriösen Grenze erträumt, andererseits für den Einfluss des Westens auf Japan. Ursula Gräfe kann über den einstigen Titel, „Gefährliche Geliebte“, nur spekulieren:

„Die Marketingabteilung schätzt da ab, was eventuell ein schöner Titel wäre, und persönlich habe ich immer den Eindruck, dass in Deutschland die Praxis herrscht, den Titel mal ganz zu ändern. Um das Werk interessanter und verkäuflich zu machen.“

Das Gefälle zwischen Inhalt und Form ließ damals Zweifel aufkommen: Einerseits schildert das Buch eine zarte Jugendliebe zwischen der hinkenden Shimamoto und dem unbeholfenen Hajime, zweien, die sich aus den Augen verlieren und sich dann Jahrzehnte später wiederfinden, bis Shimamoto nach einer Liebesnacht wie ein Geist verschwindet. Andererseits war die Sprache in der alten Übersetzung ziemlich flapsig und von Amerikanismen durchwirkt: Hajime wünschte keinen „Smalltalk“ und wollte die Vereinigung „schön langsam angehen lassen“. Ursula Gräfe hat daraus einfach gemacht: „Wir sprachen über nichts“ und „Jetzt will ich nicht hetzen“.

„Also ich denke schon, dass ich mir in den Jahren einen Duktus angeeignet habe, den ich für die Murakami-Romane benutze. Der generelle Ton ist bei ihm tatsächlich ein sehr unterschwellig freundlicher, verständlicher, offener. Diese Figuren sprechen nachdenklich und ausformuliert. Es gibt sehr wenig umgangssprachliche Wendungen bei ihm eigentlich.“

Damit war die erste Fassung geradezu Opfer der amerikanischen Übersetzungspolitik, die allgemein eher fürs Lockere optiert. Auch führte die doppelte Übertragung zu verschachtelten Sätzen, die Ursula Gräfe nun auch rhythmisch angenehmer gestaltet. Etwa, wenn Shimamoto frühreif und eben auch elegant über schwindende Lebensmöglichkeiten beim Älterwerden philosophiert: „Was Du sagen willst, ist, dass der Zement, aus dem Du bestehst, inzwischen hart geworden ist…“ Nun heißt es: „Du willst sagen, dass dein Zement bereits hart geworden ist“, betont Ursula Gräfe:

„Das ist eine Sache, die ich wichtig finde, dass man seine Übersetzungen auch laut liest, man hat ein ganz anderes Gefühl dann, wie der Satzrhythmus klingt. Und bei Murakami ist es so, er hat einen sehr schönen, glatten Fluss in seiner Schreibweise .“

Ein solcher Stil lässt auch besser fühlen, wie Hajimes Realität verschwimmt, wenn er bald an Shimamotos bloßer Existenz zweifelt. Dazu setzt Ursula Gräfe gerne den inneren Monolog ein: „Vielleicht, sagte ich mir, hatte ich nur eine Halluzination?“ lautete es früher; Gräfe übersetzt: „Ob ich mir alles nur eingebildet hatte?“ Sie nutzt hier gekonnt die Freiheit des Japanischen, in dem Passagen geschmeidig von bloßen Schilderungen in die Gedanken der Figuren übergehen können. Das heißt allerdings nicht, dass sie die sehr direkten Beschreibungen der späten, einzigartigen Liebesnacht weichzeichne, sagt Ursula Gräfe:

„Ich weiß, dass er immer so schreibt, also auf keinen Fall, um zu erregen, sondern tatsächlich immer mit diesen sehr technischen Begriffen wie Penis, Ejakulat, Erektion – das steht tatsächlich bei ihm so da. Er benutzt nie so saftige Worte.“

Weggefallen ist in der Neuübersetzung der störende Psychosprech: Brach am Ende Hajimes „Ichgefühl auseinander“, so denkt er nun schlicht: „In diesem Moment wusste ich nicht einmal, wer ich war.“

„Ich finde, wie ich es geschrieben habe, entspricht es mehr dem Text. Er analysiert sich nicht, er beschreibt einfach seinen Gefühlszustand!“

Ursula Gräfe ist eine eingängige Übersetzung geglückt. Die Geschichte von einzigartiger Seelenverwandtschaft, von Ehebruch, von idealisierter, erster Liebe und vom Verlust aller Träume ist jetzt noch sehr viel eindrücklicher geworden – so einfach und kurz die Sätze, Murakamis Sätze, auch sein mögen.

Haruki Murakami: Südlich der Grenze, westlich der Sonne wurde von Ursula Gräfe übersetzt. Das Buch ist bei Dumont erschienen, hat 223 Seiten und kostet 16,99 Euro.

(für NDR Kultur am 6.6.2013, 12:40)